Wörter liegen mir. Aber nur schriftlich!

Wörter liegen mir. Sollte man meinen. Ich schreibe immerhin Romane. Doch so leicht es mir fällt, Geschichten zu schreiben, Figuren zu entwickeln, fiktive Welten zu erschaffen, so schwer ist für mich der Umgang mit dem gesprochenen Wort. Immer wieder kommt es zu Missverständnissen, zu kuriosen Situationen, zu Streitigkeiten, die mir vor Augen führen, wie schwierig und anstrengend soziale Situationen für mich sind. Die Vorstellung von dem verschrobenen wirkenden Schriftsteller, der einsam in seiner Dachkammer am nächsten Roman schreibt, mag für viele charmant sein. Aber sozial unbeholfen zu sein, weil man ständig unbeabsichtigt „aneckt“, ist es ganz sicher nicht. Es macht einsam. Es grenzt aus. Mich zumindest. Ich kann natürlich nicht für alle mit diesen Schwierigkeiten reden.

Gestern hielt mein Freund eine Schüssel mit Reis hoch, den ich vorher gekocht hatte und fragte, was das sei. „Reis“, sagte ich. Er stöhnte leise und schüttelte den Kopf. Ich dachte, er hätte mich nicht verstanden und sagte lauter: „Das ist Reis.“ Sein Seufzen wurde lauter. „Ich sehe, dass das Reis ist, aber wofür ist er?“
„Für den Reissalat“ sagte ich und wies ihn daraufhin, dass er die Frage doch gleich richtig formulieren soll und ich seine erste Frage völlig korrekt beantwortet hätte. (Mir kam gar nicht der Gedanke, dass er natürlich weiß wie Reis aussieht und er das bereits selbst erfasst hatte, dabei weiß ich, dass er weiß, wie Reis aussieht).
Er stimmte mir zu, sagte aber, dass die meisten Menschen verstanden hätten, worauf die Frage abzielt. Das wiederum war mir schon immer ein Rätsel. Und in der Schule führte das nicht nur bei Lehrern zu Diskussionen, auch meine Mitschüler dachten entweder, ich sei blöd oder mache das aus welchen Gründen auch immer mit Absicht. Dieses „Was ist das?“, wenn die Leute in Wirklichkeit wissen wollen, WOFÜR das ist. Das sind doch völlig unterschiedliche Fragen. Das Problem ist, dass die meisten Menschen dennoch erkennen, worauf der Fragende hinauswill und die Frage dementsprechend beantworten, sich bei mir aber einfach kein Lerneffekt einstellt. Dass mir dabei Absicht unterstellt wird, tut am meisten weh. So geht es mir mit ziemlich vielen Fragen, die auf etwas ganz anderes abzielen, als der Wortlaut oder die Fragestellung vermuten lässt. Ich achte auf die einzelnen Wörter, sehe sie nicht im Kontext, weiß oft nicht, worauf eine Frage abzielt.
Mein Freund wiederholte ein paar Mal beim gemeinsamen Fernsehen ein geläufiges Wort. Er wollte damit seinen Unglauben ausdrücken, oder, dass es ihn beeindruckte, wie er mir später erklärte. Ich hörte jedoch nur das Fragezeichen heraus.
„Intervall?“, fragte er. Und wiederholte es gleich darauf. Für mich klang es wie eine Frage. Ich höre dann nur das Fragezeichen und umschreibe die Begriffe, die er (meinem Empfinden nach) als Frage in den Raum wirft, mit anderen Worten. Was Quatsch ist, weil ich weiß, dass er die Wörter kennt. Aber es ist irgendwie ein Reflex. Mein Freund meinte nur „Hast du mir gerade ernsthaft den Begriff Intervall erklärt?“ – Das passierte mir bereits mit ganz banalen Begriffen wie Wochenende („Ja, Samstag und Sonntag.“) Mein Freund wundert sich zwar jedes Mal aufs Neue, ich ärgere mich, dass bei mir kein Lerneffekt eintrifft, aber er weiß, dass ich es nicht böse meine oder ihn für verblödet halte. Bei anderen Menschen ist das schwieriger. Die ärgern sich dann richtig über mich, weil es wirkt, als halte ich sie für blöde. Was ich manchmal erst sehr spät erfahre, nachdem ich mich bereits gewundert habe, wieso sie keinen Zeit mehr für einen Kaffee haben.

Bereits in der Grundschule habe ich meine Lehrer oft auf die Palme gebracht. Nicht absichtlich. Ich habe meist auch nie verstanden, wieso sie mich ausschimpften, weil ich eine „blöde“ oder unverschämte Antwort gab, obwohl ich mir sicher war, richtig geantwortet zu haben. Das zog sich durch meine gesamte Schulzeit.
In der 7. Klasse hatte ich eine Bindehautentzündung und habe vom Augenarzt Tropfen verschrieben bekommen, die ich mir alle zwei Stunden in die Augen tropfen solle. Das führte dazu, dass ich um Punkt zehn Uhr, wenige Minuten nachdem der Englisch Unterricht begonnen hatte, die Hand hob und sagte, ich müsse zur Toilette, um die Augentropfen zu nehmen. (Ich brauchte dafür einen Spiegel). Der Lehrer reagierte genervt und fragte, wieso ich das nicht eben in der Pause gemacht hätte, woraufhin ich ganz ernsthaft antwortete, dass ich sie genau alle zwei Stunden nehmen müsse, und fünf Minuten früher nicht alle zwei Stunden wäre. Ich nahm die Anweisung vom Arzt wortwörtlich, es war keineswegs frech gemeint, ich wollte nichts falsch machen und bin schlichtweg nicht auf die Idee gekommen, dass ich sie auch fünf Minuten früher oder später nehmen könnte. Dass man das so macht, um den Unterricht nicht zu stören. Ich habe vieles sehr wörtlich genommen, doch mir wurde dabei meistens eine böse Absicht unterstellt, und auf dem Elternabend hieß es dann, ich sei „aufmüpfig.“

Fragebögen waren eine Katastrophe. Ich konnte vieles z. B nicht mit JA oder NEIN beantworten, weil mir zu viele Infos dafür fehlten. Das ist heute nicht anders, ich ernte dann oft ein Augenrollen und Seufzen und ein genervtes „Beantworte doch einfach die Fragen, andere bekommen das doch auch hin“ oder „Stell dich doch nicht absichtlich so blöd an“.
In der Schule war das zum Beispiel: „Was machst du, wenn du traurig bist?“
Während andere auf den Fragebogen schrieben, dass sie dann weinen, Eis essen oder ihre Katze streicheln, wusste ich nicht, was ich schreiben soll, weil es darauf ankam, weswegen ich traurig war und wo ich mich gerade befand. Wenn ich nicht zu Hause bin, kann ich meinen Hund nicht streicheln. Auch gab es für mich unterschiedliche Arten von Traurigkeit, auf die ich völlig anders reagierte. Diese Frage war also nicht so einfach zu beantworten. Als ich deswegen nachfragte, erntete ich Stirnrunzeln von meinen Mitschülern, und die Lehrer dachten, ich würde mich mit Absicht so bucklig anstellen, weil ich den Klassenclown spielen wollte. Dabei wollte ich die Fragen nur bestmöglich beantworten, was mir ohne mehr Hintergrundinformation aber nicht möglich war.

So verwunderte die Mitschüler über meine Schwierigkeiten, (vermeintlich) einfache Fragen zu beantworten, waren, mir ging es mit ihnen nicht anders. Ich verstand nicht, dass sie ohne Nachfragen, ohne großes Zögern, wussten, was sie als Antwort schreiben sollten. Reaktionen meiner Mitschüler war: „Das ist doch nicht schwer“
„Schreib doch einfach hin, was du dann machst“
„Du musst das doch wissen.“
„Wieso fragst du immer so komisch nach? Machst du das, um die Lehrer zu ärgern?“

 

Damals im Büro. Eine Kollegin fragt: „Isst du Schoklade?“
Ich antworte mit nein, weil ich in diesem Moment keine Schokolade esse. Kurz darauf bietet sie jedem im Raum – außer mir – einen Riegel von ihrer Merci Packung an. Ich frage, ob ich auch ein Stück darf. Sie guckt ganz verwundert, meint, ich hätte doch gesagt, ich möge keine Schokolade.

Nicht immer kann ich solche Missverständnisse aufklären, weil die Zeit fehlt oder nicht zugehört wird, oder ich mich in dem Moment einfach nicht ausdrücken kann. Das führt dann manchmal dazu, dass es hinterher heißt, ich wäre komisch oder würde viel Mist erzählen, weil ich mich in deren Augen widerspreche. Dass wir aneinander vorbeireden, weiß ja keiner.

 

Wörter können fremde Welten und tolle Figuren erschaffen, ganze Romane füllen, einen den Tag verschönern, einen zum Weinen und zum Lachen bringen. Ich mag Wörter am liebsten in Büchern. Dabei unterhalte ich mich mitunter auch gerne, nur führt das oft zu vielen Problemen. Und es ist anstrengend, auf so viele Dinge zu achten. Ich bin das nicht passende Puzzlestück unter 100 zueinander passenden Puzzlestücken.  Bei mir hängt immer eine Ecke raus oder knickt ab, wenn ich versuche mich einzufügen. Mit Gewalt passt es manchmal, aber nur auf den ersten Blick. Doch wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass es doch nicht passt. Manchen Menschen ist das egal, es stört sie kaum. Mich aber, mich stört es gewaltig. Vielleicht schreibe ich deswegen so gerne Bücher. Ich kann meine Figuren sein lassen, wie ich will. Sie können alles sein.

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